“Gefragt ist pragmatischer Realismus! Bausteine für einen zukunftsfähigen Jugendschutz im Netz” – Ein Bericht über den Vortragsabend vom 05. Dezember 2012 mit anschließender Diskussion

Autor: S. Gruener
6. Dezember 2012

Am Mittwoch, den 05.12.2012, wurde im Rahmen der Vortragsreihe „Medien und Recht“ im Gießhaus der Universität Kassel, das sowohl für Eltern und Kindern als auch für Verantwortliche der Medien und der Gesetzgebung wichtige und umstrittene Thema eines zukunftsfähigen Jugendschutzes diskutiert.

Eingeladen hatten zu dem zweiten Vortrag „Gefragt ist pragmatischer Realismus! Bausteine für einen zukunftsfähigen Jugendschutz im Netz“ mit anschließender Diskussion: das Institut für Wirtschaftsrecht, die Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien, das Institut für Europäisches Medienrecht (EMR) e. V. und die Juristische Gesellschaft zu Kassel.

In seiner Funktion als Vorsitzender der Juristischen Gesellschaft zu Kassel eröffnete Herr Dr. Jürgen Spalckhaver den Abend und begrüßte den Referenten und die Diskutanten. In seiner Ansprache wies er darauf hin, dass das Internet eine offene Flanke des Jugendschutzes darstellt.

Als Referent war Herr Dr. Murad Erdemir von der Universität Göttingen angereist. Neben seiner Tätigkeit als Justiziar der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR Hessen) mit Sitz in Kassel, ist er als Lehrbeauftragter für Jugendmedienschutzrecht einschl. Medienstrafrecht an der Juristischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen tätig.

Als Diskussionsteilnehmerin nahm an der anschließenden Diskussion Frau Christiane von Wahlert teil. Sie ist seit 1999 Geschäftsführerin der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft e.V. SPIO in Wiesbaden und seit 2002 auch Geschäftsführerin der FSK Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft GmbH und vertrat damit die Ansichten der Filmwirtschaft.

Neben Frau von Wahlert nahm auch Herr Prof. Dr. Uwe Hasebrink an der Diskussion teil. Seit 2001 ist er Professor für „Empirische Kommunikationswissenschaft“ am Institut für Medien und Kommunikation der Universität Hamburg und aktives Mitglied nationaler und internationaler kommunikationswissenschaftlicher Fachgesellschaften und Forschungsverbünde (z. B. EU Kids Online).

Seine Forschungsschwerpunkte liegen in folgenden Bereichen: Individuelle Nutzungsmuster und Medienrepertoires, Konvergenz der Medien aus Nutzerperspektive, Folgen der Onlinemedien für die etablierten Medien, Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen, Kinder und Jugendmedienschutz sowie europäische Medien und europäische Publika.

Geleitet wurde die Diskussion von Frau Claudia Mikat, die seit 2001 hauptamtliche Vorsitzende der Prüfausschüsse und Leiterin der Programmprüfung bei der FSF ist und regelmäßig Beiträge zum Jugendmedienschutz und zur Prüfpraxis der FSF veröffentlicht.

Ausgangspunkt der Diskussion war der Vortrag von Herrn Dr. Erdemir, der ihn mit einem Blick auf die Grundlagen des Jugendmedienschutzes eröffnete. In diesem Zusammenhang wies er darauf hin, dass es für eine Diskussion über einen zukunftsfähigen Jugendschutz unerlässlich ist, dass die Beteiligten ein Grundverständnis der zugrunde liegenden Technik besitzen und über ein Basiswissen an Medienwirkung verfügen sollten. Dabei sind die verfassungsrechtlichen Vorgaben zu berücksichtigen und die Unterschiede zwischen realer und virtueller Welt. Allerdings erläuterte Herr Erdemir, dass er die Unterscheidung in reale und virtuelle Welt ablehnt, weil sie den Eindruck erweckt, als sei das Internet nicht wirklich. Aber genau das ist es. Es existiert und hat Auswirkungen auf die Jugendlichen. Deshalb spricht er lieber von digital und analog. Daneben ist ein adäquates Risikomanagement notwendig. So müssen Risiken erkannt und minimiert werden.

Dabei ist durch das Web 2.0 ein Paradigmenwechsel festzustellen, der sich dadurch auszeichnet, dass das alte Sender-Empfänger-Modell nicht mehr zutrifft. Durch diesen Wechsel sind für Jugendliche viele neue Gefahren entstanden, denen durch einen zukunftsfähigen Jugendmedienschutz begegnet werden muss.

Um dieses Ziel zu erreichen, hat Herr Erdemir Bausteine für einen solchen Schutz zusammengestellt. Die Grundlage seines Vortrags im Gießhaus, der wieder vor ausverkauftem Haus stattfand, ist ein 10-Punkte-Papier, welches er bis zu den im folgenden beschriebenen Bausteinen fortentwickelt hat.

Als Erstes müssten sich nach seiner Meinung, der Gesetzgeber und alle Verantwortlichen von der Vorstellung der Einheitlichkeit der Medien verabschieden und auf das jeweilige Medium angepasste Regelungen einführen. So sind laut Herrn Erdemir sichere Surfräume möglich.

Neben diesen einzuführenden Regelungen können technische Schutzsysteme, wie Netzsperren, Filtersysteme und Zugangssysteme den Schutz ergänzen. Hierbei ist aber zu berücksichtigen, dass sie nur einen Teil des Problems lösen können, weil sie nicht zu 100 Prozent sicher sind.

Als wichtigsten, und seinen liebsten, Baustein bezeichnete Herr Erdemir die Verantwortung. Die Verantwortung bindet sowohl Anbieter als auch Eltern. Vor diesem Hintergrund sind präventive Maßnahmen zu bevorzugen. Die Vermittlung von Medienkompetenz fehlt in jeder Rechtsvorschrift und wäre für die Jugendlichen sehr wichtig, damit sie lernen selbstverantwortlich mit den neuen Medien umzugehen. In die gleiche Richtung zielend, aber auf die Anbieter blickend, wäre es laut Dr. Erdemir nötig, dass ein Anreizsystem eingeführt wird, das es Anbietern erlaubt, bestimmte Dinge zu tun (z. B. Werbung zu schalten) oder eine Haftungsprivilegierung zu erhalten, wenn sie von sich aus einen besseren Jugendschutz in ihren Programmen/Plattformen integrieren.

Des Weiteren kann eine kritische und wachsame Öffentlichkeit und Medienlandschaft dafür Sorge tragen, dass schädliche Inhalte ausgefiltert werden und es so zu einer regulierten Selbstregulierung kommt. Dafür ist es aber erforderlich, dass die gesetzlichen Regelungen einfach und klar sind, um so die Akzeptanz zu steigern. So könnte Eltern ein größerer Spielraum eingeräumt werden, ihren Kindern den Zugang zu bestimmten Medien zu erlauben, weil sie die individuelle Entwicklung ihres Kindes am besten einschätzen können.

In seinem Fazit wies Herr Erdemir noch einmal darauf hin, dass der Fokus der Diskussion auf die Kinder und Jugendlichen gelegt werden muss, die über das Internet sehr einfach mit schädlichen Inhalten in Kontakt kommen können. Dabei muss Technik als ein weicher Regelungsmechanismus mitwirken. Aus Sicht der Opfer ist es aber wichtig, dass es ein unnachgiebiges und repressives Vorgehen gibt. Für den Gesetzgeber stellt sich die Herausforderung, die gefundenen Lösungen in einfache und klare Regelungen zu fassen.

Zu Beginn der anschließenden Diskussion stellte Herr Erdemir klar, dass es im Internet Bereiche gibt, die mit rundfunkrechtlichen Vorgaben geregelt werden können und andere nicht.

Frau von Wahlert erläuterte, dass das Jugendschutzgesetz und der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag der Länder auf unterschiedlichen Paradigmen beruhen und deshalb auch rechtsdogmatisch ein Problem darstellen. Sie plädierte für eine pragmatische Lösung.

Als Forscher stellte Herr Prof. Hasebrink dar, dass nach einer von ihm durchgeführten Studie der Anteil der Eltern, die denken, dass ihre Kinder schon mal etwas Negatives im Internet erlebt haben, höher ist, als der Anteil der Kinder, die tatsächlich etwas Negatives erlebt haben. Dies hat er in einer vergleichenden Befragung von Eltern und Kindern herausgefunden. Dies ist in den meisten anderen Ländern andersherum, sodass er darin eine gute Voraussetzung für die Zukunft sieht, weil sich die Eltern über die Gefahren sehr wohl bewusst sind. Allerdings gibt es gleichzeitig durch alle Schichten hinweg viele Kinder, die ohne jegliche Begleitung das Internet erkunden.

Im weiteren Verlauf der Diskussion wurde die unterschiedliche Entwicklung von Kindern betont, die nur sehr schwer in klare Altersbeschränkungen zu integrieren ist. Deshalb ist es aus Sicht von Prof. Hasebrink umso wichtiger, dass sich Jugendliche gegenseitig „erziehen“. So könnte man Jugendliche in Workshops an einen richtigen und verantwortungsbewussten Umgang mit dem Internet heranführen und diese Jugendlichen könnten wieder als Multiplikatoren wirken.

Einig waren sich die Diskutanten darin, dass es eine Unmöglichkeit darstellt, dass es noch immer Lehrer gibt, die die Universitäten verlassen, ohne eine Einheit in Medienpädagogik belegt zu haben.

Zum Schluss der Diskussion stellte Frau Mikat die Frage, wie sich die Entwicklung in fünf Jahren darstellt. Herr Hasebrink verwies darauf, dass die Kinder, die ins Internet gehen, noch jünger sein werden und immer mehr Kinder und Jugendliche Smartphones besitzen werden. Er erwartet weiterhin, dass das Bewusstsein für die Gefahren in den Köpfen der Menschen gestiegen sein wird, und sie sich somit mehr mit den Problemen auseinandersetzen.

Frau von Wahlert sieht eine systemische Entwicklung kommen, die dazu führen wird, dass große Unternehmen große Anreize haben, sich rechtskonform zu verhalten, weil sie ansonsten einen Imageschaden erleiden könnten.

Im Anschluss an die Diskussion machte das Publikum von der Möglichkeit Gebrauch, sich mit den Diskutanten bei einem Glas Wein und kleinen Snacks zu unterhalten.

Informationen zur Vortragsreihe, den Referenten und Themen finden Sie hier.