Ein Jahr in der Donaumetropole – Auslandsstudium in Wien

Gastautor: F. Emanuel
15. Februar 2015

Learning Center der WU

Vom September 2013 bis zum Juni 2014 habe ich – während meines Masterstudiums – ein Auslandsjahr (2 Semester) an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien verbracht. Ursprünglich auf „nur“ ein Semester geplant, hat mich der Aufenthalt in Wien so fasziniert, dass ich meinen Aufenthalt auf zwei Semester verlängert habe. Einen Auslandsaufenthalt in Österreichs Donaumetropole kann ich durchweg empfehlen! Gerne möchte ich euch an dieser Stelle meine Erfahrungen schildern und einige Tipps mit auf den Weg geben.

Beweggründe

Aber beginnen wir mal am Anfang. Da wären zunächst einmal die Beweggründe. Warum möchte man überhaupt ins Ausland? Welche Gründe gibt es für einen Auslandsaufenthalt?

Hier können viele verschiedene Argumente angebracht werden: der Aufenthalt an einer anderen Universität, in einem anderen (Wohn-)Umfeld, in einer fremden Stadt und Kultur und nicht zuletzt die Förderung der eigenen Sprachkompetenz. Bei letzterem mag man nun kurz aufhorchen und bemerken, dass Wien im deutschen Sprachraum liegt. Das war deshalb auch nicht der treibende Grund, mich für einen Auslandsaufenthalt zu entscheiden, obwohl es zwischen dem nordhessischen Kassel und dem (vormals) kaiserlichen Wien durchaus kulturelle und sprachliche Unterschiede von nicht geringem Ausmaß gibt. Diese lernt man mit der Zeit, quasi zwischen den Zeilen, in vielen Gesprächen und alltäglichen Situationen kennen.

Nachdem ich in der 11. Klasse bereits zu einem 11-monatigen Auslandsaufenthalt im Mittleren Westen der USA aufgebrochen war, bei dem der sprachliche Austausch mit im Vordergrund gestanden hatte (und bis heute stand), wollte ich nun einen Austausch auf (rechts- und wirtschafts-) wissenschaftlicher und kultureller Ebene absolvieren. Dafür war Wien eine gute Wahl, denn neben zahlreichen kulturellen Institutionen verfügt Wien mit der Wirtschaftsuniversität über eine Hochschule mit einem guten Ruf und vor allem mit einem Studiengang Wirtschaftsrecht.

Vorbereitung (Planung, Organisation, Bewerbung bei der Gasthochschule, Anrechnung an der Universität Kassel)

Die Vorbereitung war entgegen aller Befürchtungen schnell getan und denkbar unkompliziert. Bei einem netten Gespräch mit Prof. Dr. Dr. Walter Blocher, dem Kooperationsbeauftragten für die Zusammenarbeit mit der WU Wien, erzählte ich ihm von meinem Vorhaben. Durch ihn erfolgte dann die Nominierung für einen von zwei Plätzen im Kooperationsprogramm mit der WU.

Volksprater - Riesenrad

Nach einiger Zeit leitete mir Prof. Dr. Dr. Blocher eine Informationsemail der WU weiter. Vor Anreise war dann von Seiten der WU nur noch ein sog. webbasisertes Pre-Enrollment durchzuführen, in dem ich meine persönlichen Daten angeben musste. Um über die organisatorische Komponente informiert zu sein, nahm ich an einer Informationsveranstaltung des International Office (IO) der Uni KS teil. Dort reichte ich die notwendigen Unterlagen für einen ERASMUS-Aufenthalt ein. Von dort erhielt ich eine (schreibgeschütze) Word-Datei, die in kompakter Form alle notwendigen Bescheinigungen, Formblätter und Informationen beinhaltet.

Das Learning Agreement habe ich gemeinsam mit der Prüfungsausschussvorsitzenden für den Studiengang Wirtschaftsrecht, Frau Prof. Dr. Martina Deckert, ausgefüllt und während des Auslandsaufenthaltes ohne große Probleme anpassen können. Auch Prof. Dr. Ivo Bischoff, der als ERASMUS-Beauftragter des FB 07 das Learning Agreement ebenfalls unterzeichnen muss, ist über Frau Siegner sehr gut erreichbar.

Da einige Veranstaltungen im Studiengang Wirtschaftsrecht LL.M. inhaltlich deckungsgleich sind, ist eine Anrechnung einiger Fächer nach vorheriger Absprache möglich. Weitere Informationen dazu gibt es hier.

Unterkunft

Als die grundlegenden organisatorischen Aspekte geklärt waren, begann ich, mich um eine Unterkunft zu bemühen. Der Österreichische Austauschdienst (OeAD) bietet Wohnheimplätze für ERASMUS- und andere Austauschstudierende an und garantiert, dass man einen Platz erhält. Hierzu muss man allerdings eine hohe Kaution und eine Bearbeitungsgebühr zahlen, und eine Auswahl der Heimplätze scheint in den meisten Fällen nicht möglich. Die Mietkosten sind relativ hoch. Für Studierende, die sich „auf den letzten Drücker“ anmelden, eine gute Sache, denn die Mietsituation in Wien ist längst nicht so, als dass man von jetzt auf gleich Unterkünfte finden könnte.

Da ich mich jedoch recht zeitig um einen Platz bemühte, beschloss ich, es zunächst „auf eigene Faust“ bei Wohnheimträgern zu versuchen. Nach drei Bewerbungen hatte ich ca. 6 Monate vor Beginn des Auslandssemesters drei Zusagen und konnte mir ein Wohnheimangebot aussuchen. Ich entschloss mich für ein relativ kleines, familiäres Wohnheim (ungefähr 50 BewohnerInnen) im 18. Bezirk, das von der Evangelischen Kirche in Österreich getragen wird. Diese Entscheidung war eine gute Entscheidung: die Hausgemeinschaft ist echt nett, dort wohnen neben den regulären Studierenden auch immer ein paar ERASMUS-Studierende, die direkt in die Gemeinschaft miteinbezogen werden. So findet man schnell Anschluss. Ein Wohnheim mit einer solch starken Gemeinschaft und einem freundschaftlichem Umgang kann ich nur empfehlen!

Studium an der Gasthochschule

Auf dem neuen WU-Campus

Auf dem neuen WU-Campus

Die Wirtschaftsuniversität Wien bietet mit knapp 24 000 Studierenden wirtschaftsnahe Ausbildungsgänge auf universitärem Niveau. Seit September 2013 – also mit Beginn meines Jahres an der WU – verfügt die WU über einen neu gebauten futuristischen Campus im zweiten Gemeindebezirk, direkt zwischen Volksprater (Riesenrad!) und Messe. Damit ist dieser Campus zwar nicht direkt in der Innenstadt gelegen, aber mit der U2 gut erreichbar.

Die meisten der von mir gewählten Veranstaltungen waren dem Studiengang Wirtschaftsrecht LL.M. zuzuordnen. Neben der Namensgleichheit mit unserem Kasseler Studiengang gibt es hinsichtlich des Abschlusses Unterschiede. So ist es WU-Studierten mit Masterabschluss (LL.M. (WU)) möglich, später die traditionellen juristischen Berufe auszuüben, wohingegen dies in Kassel nicht möglich ist.  Die akademische Viertelstunde ist nicht weit verbreitet; die meisten Veranstaltungen sind nach meinen Erfahrungen in 3-Stunden-Slots eingeteilt (eine eventuelle Pause ist dozentenabhängig). Einige Veranstaltungen sind geblockt und finden nur einige Wochen statt, während andere über das gesamte Semester regelmäßig stattfinden.

Die an der WU stattfindenden Veranstaltungen lassen sich alle einem webbasierten elektronischen Vorlesungsverzeichnis entnehmen. Die Anmeldung zu den Veranstaltungen erfolgt online innerhalb einer bestimmten Frist mit Hilfe seiner Benutzerkennung, die man bereits im Pre-Enrollment erhält. Für Austauschstudierende gibt es bestimmte Kontingente, die Anmeldefristen beginnen eher als die für „normale“ Studierende. Gibt es in einer Veranstaltung kein Kontingent für „Internationals“ (dies war bei einigen deutschsprachigen Rechtskursen der Fall), hilft das IO gerne weiter und organisiert nach Möglichkeit über die oder den LehrveranstaltungsleiterIn eine Teilnahme. Das klappt allerdings nicht bei allen Lehrveranstaltungen. Vor allem bei stark frequentierten Kursen wird eine Teilnahme schwierig, da hier dann „normale“ Studierende bevorzugt werden. Für „Internationals“ gibt es überdies noch englischsprachige Kurse, in denen man vorwiegend auf Studierende aus Nordamerika, aber auch auf viele Europäer, trifft.

Die Kurse auf Masterniveau sind – und das sollte vor der Kurswahl bedacht werden – anspruchsvoll und bedeuten oftmals eine höhere Arbeitsbelastung als an der Universität Kassel. Aktive Teilnahme an Diskussionen wird erwartet. Das österreichische Notensystem besteht „nur“ aus den vollen Noten, also 1, 2, 3, 4, 5.

Betreuung während des Auslandsaufenthaltes

 

Budapest

Vor dem Semester gibt es das sog. „OK-Programm“ (Orientierungs- und Kulturprogramm).  Hier stehen einige Ausflüge, Exkursionen und sonstige Veranstaltungen auf der Agenda, und man kann andere „Internationals“ bereits vor Beginn der Lehrveranstaltungen kennenlernen. Der Preis von 250,- Euro pro Person ist allerdings recht teuer.

Betreut wird man während des Auslandsaufenthaltes im International Office der WU Wien. Sowohl die Ansprechpartner der Universität Kassel, als auch die Ansprechpersonen an der WU Wien waren telefonisch und per Email durchweg gut zu erreichen, kompetent in ihren Auskünften und sehr hilfsbereit. Die Verlängerung meines Aufenthaltes in Wien war nach kurzer telefonischer Rücksprache mit Herrn Banzhaf vom IO der Universität Kassel und persönlicher Vorsprache im IO der WU Wien problemlos möglich.

Die ÖH (etwa dem AStA vergleichbar) bietet über das sog. ERASMUS Buddy Network viele Veranstaltungen speziell für Austauschstudierende an und informiert über eine Mailingliste und über eine Facebook-Seite.

Bürokratie während des Aufenthaltes

Bis auf die verpflichtenden Behördengänge nach der Einreise (Anmelden des Wohnsitzes beim Magistratischen Bezirksamt für den jeweiligen Bezirk – Zeitaufwand auf dem Amt ca. 1/2 Stunde) und die persönliche Beantragung der „Anmeldebescheinigung“ (benötigt man als EU-Bürger nur in den BeNeLux-Staaten und in Österreich – Zeitaufwand auf dem Amt ca. 6 Stunden), habe ich in Wien nur positive Erfahrungen gemacht. Die „Anmeldebescheinigung“ ist mir nicht zugestellt worden, die Gebühr hierfür – satte 30 €uro – musste allerdings entrichtet werden.

Alltag und Freizeit

Wien ist die Metropole Österreichs, hier leben ungefähr ¼ der österreichischen Bevölkerung. Dementsprechend eng und pulsierend gestaltet sich auch das Leben in Wien. Kulturelle Angebote an jeder Ecke; alte, ehrwürdige Gebäude (Parlament, Uni Wien) lassen sich genau so entdecken wie futuristische Architektur (WU Wien) oder Hochhäuser (UNO City, Vienna International Centre).

 

Weinberge vor Wien

Wohin man geht, gibt es Spannendes zu entdecken. Den meisten wohl bekannt sind der Volksprater mit dem charakteristischen Riesenrad, Schloss Schönbrunn, Schloss Belvedere, das Burgtheater, der Stephansdom und das Café Sacher in der Innenstadt. Wien bietet aber noch mehr: die Grüngebiete im Prater, die Donauinsel, auf der reger Sommerbetrieb herrscht, eine ganze Reihe von Schwimm- und Freibädern und die Weinanbaugebiete mit traditionellen Heurigen in den Bezirken Nußdorf oder Grinzing.

Der Alltag der Wiener ist geprägt vom sprichwörtlichen Wiener Charme. Das hervorragend ausgebaute Nahverkehrsnetz verbindet jeden nur erdenklichen Punkt der Stadt mit dem Zentrum. Etikette und Höflichkeit scheinen wichtig: so gibt es Plätze in jeder „Bim“ (Straßenbahn), die für bestimmte Personengruppen (körperlich eingeschränkte, schwangere oder ältere Menschen) freizuhalten sind.  Spannend wird es, wenn Pferdefuhrwerke, die sog. „Fiaker“, den Straßenverkehr aufhalten. Pünktlichkeit wird nicht forciert, zu Verabredungen sind Verspätungen von einer Viertelstunde durchaus tolerabel.

Neusiedler See

Das Wiener Umland bietet für jeden etwas. Das Weltnaturerbe Neusiedler See, Bratislava oder Budapest, die Steirischen Kalkalpen oder die Wachau – Wien ist stets nicht weit entfernt.  Das merkt man auch am Wochenende: die Stadt ist wie ausgestorben (von Touristen abgesehen), die meisten Gaststätten („Beisl“) sind sonntags geschlossen, Einkaufsgeschäfte sowieso. Die Öffnungszeiten von Geschäften sind eingeschränkter als in Deutschland/Hessen, so schließen Geschäfte samstags regelmäßig zwischen 16 und 18 Uhr.

Die Dichte von Einkaufsmöglichkeiten ist hoch und ein PKW ist in der Stadt nicht notwendig. Dieser dürfte aufgrund der bezirksweit eingerichteten Parkraumbewirtschaftung ohnehin in zentralen Bezirken nicht parken, ohne alle 2 Stunden einen weiteren Parkschein zu hinterlegen.

Finanzielles

 

Hochkar

Wien ist tendenziell teuer als Deutschland/Kassel.  An der WU muss der sog. ÖH-Beitrag i.H.v. 18 Euro pro Semester entrichtet werden. Der Kauf einer ÖPNV-Karte ist jedoch nicht verpflichtend, aber anzuraten. Für Studierende, die zum 01.09. mit Hauptwohnsitz in Wien gemeldet sind, kostet diese 75 Euro für 5 Monate. Alle anderen, zu denen Austauschstudierende in den meisten Fällen zählen, zahlen 150 Euro für 5 Monate.

Zu empfehlen sind – wegen ihres guten Preis-Leistungs-Verhältnisses und bei besonderem Interesse – Zeitkarten für diverse Institutionen. So gibt es eine Monatskarte für Schwimmbäder (17 Euro/Monat statt 4,20 Euro pro Eintritt) und die Jahreskarte im Technischen Museum (20 Euro). Das Theater in der Josefstadt bietet drei Tage vor Veranstaltungen den Kauf von reduzierten Tickets für Studierende auf allen Plätzen an (6 Euro). Ähnliche Angebote existieren an vielen Stellen – einfach nachfragen!

Solltet ihr BAföG beantragen (andere/studentenfreundlichere Voraussetzungen!), dann müsst ihr euch an die Landeshauptstadt München (zuständig für Österreich) wenden. Dort ist die zuständige Stelle allerdings so überfordert, dass sie bis zu sieben Monate benötigt, um Anträge zu bearbeiten. Also besser möglichst frühzeitig Antrag stellen!

Fazit

Einen Auslandsaufenthalt in Wien, und gerade an der Wirtschaftsuniversität, kann ich uneingeschränkt weiter empfehlen. Für mich – gerade auch als Wirtschaftsrechtler – wurde das Auslandsjahr zu einem unvergesslichen Erlebnis, von dem ich gerne erzähle und an das ich immer gerne zurückdenken werde.

Weitere Fragen

Solltet ihr euch für ein Auslandssemester im kommenden WS 2015/16 interessieren, so müsst ihr euch beeilen: Die Nominierung an der WU muss bis spätestens 1. Mai erfolgen – und vorab sind in Kassel noch einige Dinge zu klären.

Weitere Informationen zu einem Auslandsaufenthalt an der WU Wien erhaltet ihr unter www.wu.ac.at/io oder direkt bei Prof. Dr. Dr. Blocher. Für Rückfragen stehe auch ich euch selbstverständlich gerne zur Verfügung. Ihr erreicht mich unter f.emanuel[at] uni-kassel [punkt]de.

In Kürze wird es einen durch den JuristiK e.V. organisierten Informationsabend zum Thema „Auslandsaufenthalt als Wirtschaftsrechtler“ mit Erfahrungsbericht(en) geben. Genauere Infos hierzu erhaltet ihr auf der Website www.juristik.org oder hier an gleicher Stelle bei Kassel Law.