International Summer School 2014

13. November 2014

Teilnehmer der ISS beim Empfang im Kasseler Rathaus

Teilnehmer der ISS beim Empfang im Kasseler Rathaus

Einige Wochen sind nun seit meiner ersten Berührung mit dem Land Israel und seinen bemerkenswert herzlichen Menschen vergangen. Das war genug Zeit, um den Austausch von Wissen und Kultur zwischen der Universität Kassel und dem College of Law and Business Ramat Gan, Tel Aviv, zu verdauen.

 

„Und? Kannst du schon einen Israeli vorstellen?“, hörte ich einen Kommilitonen fragen.

Dass ich Herrn Prof. Dr. von Wangenheims Verkündigung „wir hätten zwanzig Minuten, um uns etwas kennen zu lernen und in der Lage zu sein, einen Austauschstudenten aus dem jeweils anderen Land vorzustellen“ nicht ernst genommen habe, behielt ich für mich. „Ja, sogar zwei. Und du?“, antwortete ich und schmunzelte. Dann ging ich zu dem fürsorglich eingerichteten Buffet des International House der Universität und entschied mich für eine Laugenstange. Und einen schwarzen Kaffee.

„Mein Name ist Aviv, das bedeutet Frühling“, sagte der erste potenzielle Kandidat für die gefürchtete Vorstellungsrunde. Trotz der erkennbaren Müdigkeit nach seiner langen Reise von Israel zu uns, war der große junge Mann sehr fröhlich. „Und was heißt dann Tel?“, fragte ich und überlegte selbst nach einer möglichen Übersetzung. Es könnte „Blume“ heißen oder ein sonstiges Symbol der Romantik sein, dachte ich mir. Nee, zu kitschig für einen Männernamen und die Benennung einer Stadt, konkludierte meine weibliche Intuition. „Tel heißt Hügel. Jetzt weißt du, was Tel Aviv bedeutet“, erklärte der aufgeschlossene Aviv weiter. Dann stellte er mir Rotem vor. Und whoops! Nach weniger als zwanzig Minuten und nur einem Kaffee habe ich zwei nette Menschen kennen und meine ersten zwei Wörter auf Hebräisch gelernt. In einem noch schnelleren Tempo lernte ich in den nächsten Tagen die anderen Israelis kennen und auch, wenn es jetzt kitschig klingt, das Land lieben. Für das Erlernen der hebräischen Sprache haben die zwei Wochen allerdings nicht ausgereicht :)

Die oben beschriebene erste Herausforderung der International Summer School erwies sich tatsächlich als ein Scherz vom Prof, der sich auch im weiteren Verlauf des Austauschs als humorvoll und den von uns gewünschten Planänderungen gegenüber sehr flexibel zeigte. Über der Vermittlung fachbezogener Kenntnisse, bereicherte die Summer School alle Teilnehmer vor allem mit neuen Bekanntschaften und sogar Freundschaften. Und das mit und ohne Auslandsberührung, um es juristisch zu formulieren.

Lernveranstaltungen

Das diesjährige Programm „Global Corporate Governance“ hat in den ersten beiden Septemberwochen stattgefunden. Vormittags, von 9 bis ca. 15 Uhr, hatten wir Vorlesungen auf Englisch. Das Ziel des Lehrprogramms war die Vermittlung von Kenntnissen des deutschen, europäischen, israelischen und US-amerikanischen Gesellschaftsrechts. Herr Prof. Dr. Georg von Wangenheim unterrichtete den Kurs „Economics of Law“, dabei betrachteten wir das Gesellschafts- und Aktienrecht mit einer ökonomisch-funktionalen Brille. Von Prof. Dr. Martina Deckert haben wir einen Einblick in die Entwicklung und gegenwärtige Situation des deutschen und europäischen Gesellschaftsrechts bekommen. Die sympathische Professorin schaffte es immer wieder, uns die Fakten amüsant zu präsentieren und begeisterte mit ihrer Art sehr schnell die israelischen Studenten. Den meisten Studenten aus Kassel war Ihre Frohnatur bereits bekannt. Der ebenso sehr sympathische israelische Dozent Dr. Yaad Rotem unterrichtete den Kurs „Israeli and US Corporate Law“, welcher auf die Vermittlung von Kenntnissen des israelischen und US-amerikanischen Aktienrechts abzielte. Für die deutschen Studenten war die Materie neu, damit spannend und herausfordernd. Mit Prof. Dr. Peter Rott setzten wir uns mit der Sozialverantwortung großer Unternehmen innerhalb der Gesellschaft auseinander. Er unterrichtete den Kurs „Corporate Social Responsibility“. Organisatorisch wurde das Programm durch Walter Andert betreut.

Das interessante Lehrprogramm der International Summer School schlossen die Teilnehmer mit einer schriftlichen Prüfung ab. Neben dem neu angeeigneten Fachwissen, konnte während des gesamten Programms, dank Vorlesungen und der Plauderei, das eigene Englisch aufpoliert werden. „Gewinnbringend“ ist bei solch einem Austausch vor allem die  zwischenmenschliche Komponente.

Kulturelles Programm

 

Burg Eltz in Cochem

Das erste gemeinsame Wochenende verbrachten wir in der Rhein-Mosel-Region. Dort haben wir in der super-grünen Stadt Cochem in einer netten Jugendherberge übernachtet. Dass Cochem die zweitkleinste Kreisstadt Deutschlands ist, hat die Summer-School-Neu-Freunde nicht davon abgehalten, ausgiebig zu feiern und die etwas rustikalen, aber für die Region typischen Kneipen, unsicher zu machen. „Atemlos durch die Nacht“ wurde dabei von den deutschen und noch lauter von den israelischen Studenten geträllert – unabhängig davon, ob man den Text versteht, geschweige denn singen kann :) Diesen Teil des kulturellen Austauschs und Zusammenwachsens haben die Besichtigung der wunderschönen mittelalterlichen Burg Eltz sowie der Besuch des Maria Laach Klosters erweitert. Gesellig wurde es außerdem bei der Besichtigung eines Winzereibetriebes in Cochem und anschließender Weinprobe.

 

Das kulturelle Programm wurde von Veranstaltungen mit fachlichem Bezug abgerundet. So haben wir während unserer Exkursionen verschiedene im Gesellschaftsrecht aktive Kanzleien besucht. Bei einem Zwischenstopp in Frankfurt wurde uns beim Oberlandesgericht ein Einblick in die Arbeitsweise deutscher Gerichte gewährt. Mit diesen Programmpunkten entstand eine Verbindung zwischen der Theorie an der Uni und der beruflichen Praxis eines (Wirtschafts-)Juristen.

Reichstag in Berlin

Am zweiten Wochenende stand die Hauptstadt an. Auf Berlin haben sich alle Teilnehmer – als Krönung des Austauschs und nach Abschluss der Lernveranstaltungen – am meisten gefreut. Auch dort haben wir internationale Wirtschaftskanzleien besucht. Sehr lebendig und bunt war es beispielsweise bei Lindenpartners, wo es um Start Ups und innovative Arbeitsgestaltung ging. Mit dem Besuch des Konzentrationslagers Sachsenhausen nördlich von Berlin wurde die besondere jüdisch-deutsche Geschichte in den Blick genommen. Nach einer Führung durch diese Holocaust-Gedenkstätte haben einige der deutschen und israelischen Studenten den Besuch einer Synagoge angeknüpft. Auch das war eine emotionale und verbindende Aktivität. Mit der Geschichte und Teilung Deutschlands beschäftigten wir uns bei einer interessanten Führung durch die Gedenkstätte der Berliner Mauer. Die kulturelle Palette der Hauptstadt wurde von uns mit Shopping, dem Besuch bunter Märkte und dem Erkunden des Nachtlebens in Berlin ergänzt.

Deutsche Vorsicht trifft auf israelisches Draufgängertum

Am meisten beeindruckend fand ich, und da stimmt mir die Mehrheit der Teilnehmer aus Kassel wohl zu, die Offenheit und Kameradschaft der Israelis. Ob beim Lernen im Seminarraum, Essen in der Mensa oder Feiern in einem der Berliner Clubs – sie stehen für einander ein. Ihre Großzügigkeit und Zusammengehörigkeit könnten einen religiösen Hintergrund haben, von der Lebensart insgesamt abhängen. Ihre positive Haltung könnten die jungen Menschen aus Israel auch daher innehaben, weil sie mit Mitte Zwanzig bereits etwas Anderes gesehen haben: In Israel besteht eine allgemeine Wehrpflicht für jeden, 21 Monate für Frauen und 3 Jahre für Männer. Ihre persönlichen Geschichten darüber haben viele mit uns geteilt. Wie und in welche Richtung das Militär jede(n) Einzelne(n) von ihnen bewegt hat, ist sehr unterschiedlich. Fakt bleibt, dass das „dem Staat dienen“ anders als für uns ein common sense ist. Es ist kein Geheimnis, dass schwierige Verhältnisse zu seinen Nachbarn und innere Spannungen Israel bewegen. Die komplexe politische Situation des Landes war nicht DER Gegenstand des Austauschs, Unterhaltungen haben wir darüber dennoch geführt. Und wie ich so bin, hatte ich ein besonderes Interesse an den inneren Gefühlszuständen der in Israel lebenden Menschen. Diejenigen, mit denen ich mich unterhielt, nahmen die Darstellungen ihres Alltags in den Medien als überdramatisiert wahr. Weniger behaglich als für die meisten von uns ist das Leben dort zweifellos. Doch auch in Israel hat man sich mit den gängigen Fragen des Tages herumzuschlagen. Davon werden die Menschen dort ebenso wie wir hier getrieben. Teil oder Zuschauer einer (bewaffneten) Auseinandersetzung zu sein, liegt bei ihnen nur eher im Bereich des Möglichen als bei uns. Umso beeindruckender ist die positive Gesinnung. Umso wertvoller müsste jedes friedlich verbrachte Beisammensein sein. Vielleicht dienen das laute Lachen und wilde Feiern (Tel Aviv gehört zu DEN Partystädten weltweit!) bloß dazu, der Realität auf den eigenen Straßen oder dem, was dort davon über ist, in Gaza zu entfliehen. Das muss jede(r) für sich wissen. Festzuhalten bleibt, dass ihre Heiterkeit sehr ansteckend war und stets für eine fröhliche Stimmung in der Gruppe sorgte. Im Endeffekt kann die Lebensfreude der Israelis eine simple Erklärung haben: Bei ihnen scheint die Sonne! :) Höchstwahrscheinlich liegt die Begründung aber in einem bunten Allerlei aus all dem, was ich genannt habe, und noch vielem mehr. Insgesamt war es ein emotionaler Austausch. Alle Aktivitäten und Erfahrungen in einem Bericht zusammenzufassen ist nicht möglich. Empfehlenswert ist das Studieren und Feiern mit den Israelis allemal!