Praktikum beim Bundeskartellamt (Mai – Juli 2015)

Gastautor: S. Weber
15. Januar 2016

Meine Aufmerksamkeit ruhte auf dem Bundeskartellamt seit ich an der jährlichen Bonn-Exkursion des IWR im Dezember 2013 teilgenommen hatte. Das Kartellrecht erschien mir bereits an der Universität in der Theorie als spannend und dies wollte ich nun auch in der Praxis erleben. Das Praktikum umfasste 13 Wochen. Das Bundeskartellamt ist in Deutschland der hochrangigste Wettbewerbshüter. Es ist eine selbständige Bundesoberbehörde mit rund 345 Mitarbeitern, die den gesetzlichen Rahmen für Marktgerechtigkeit, also das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB), umsetzt. Im einzelnen gehören zu den Aufgaben des Bundeskartellamtes die Durchsetzung des Kartellverbots, die Fusionskontrolle, die Missbrauchsaufsicht über marktbeherrschende bzw. marktstarke Unternehmen, die Überprüfung der Vergabe öffentlicher Aufträge des Bundes und die Durchführung von Sektoruntersuchungen. Es gibt insgesamt zwölf Beschlussabteilungen, welche überwiegend nach Branchen eingeteilt sind. Sie sind unabhängig und frei in ihrer Entscheidungsfindung. Im Amt arbeiten hälftig Juristen und Ökonomen, wobei beide Gruppen fortlaufend in relevanten Wissensbereichen der jeweils anderen Gruppe geschult werden.

Alle Informationen für Praktikumsinteressierte findet man auf der Homepage des Bundeskartellamtes. Eine Frist gibt es nicht, jedoch ist es ratsam sich 6 Monate vor geplantem Antritt zu bewerben. Aber auch kurzfristiger kann man eine Stelle durch Glück, gute Noten, einen interessanten Lebenslauf usw. ergattern. Durch die Anforderungen auf der Internetseite darf man sich nicht abschrecken lassen und man kann als Jurist ebenso ein Praktikum im ökonomischen Bereich machen wie man als Ökonom im juristischen Bereich tätig sein kann. Überwiegend wird man dort auf Masterstudenten oder Referendare stoßen, jedoch sind auch Bachelorstudierende keine Seltenheit. Es sind freiwillige Praktika sowie Pflichtpraktika (bis 3 zu Monaten) möglich. In den Beschlussabteilungen werden überwiegend Juristen eingesetzt. Ansonsten habe ich Praktikanten und Referendare aus der Ökonomieabteilung, der Sonderkommission Kartellbekämpfung und im Referat Deutsches und europäisches Kartellrecht kennengelernt. Ein vollständiges Organigramm über den Aufbau und möglichen Praktikumsbereichen (, welche man sich in der Bewerbung wünschen kann,) gibt es auf der Homepage.

Ich war in der ersten Beschlussabteilung untergebracht, die sich auf die Gewinnung von Erzen, Steinen und Erde konzertiert, hinzu kommen die Bauindustrie und damit verbundene Dienstleistungen im Bereich Baustoffe, Glas und Keramik, Immobilien und verbundene Dienstleistungen und das Holzgewerbe.

Zu Beginn führten mein Betreuer und ich ein ausgedehntes Gespräch über den Aufbau des Amtes, die Aufgabenverteilung und den Alltag, bevor wir dann zu meinem Vorwissen kamen. Der Studiengang Wirtschaftsrecht ist, wie viele, die bereits ein Praktikum absolviert haben, wissen, leider noch weitgehend unbekannt, d.h., dass mein Betreuer keine Ahnung hatte, was ich schon wusste und wie hoch das Level der Aufgaben, die ich bearbeiten sollte, sein konnte. Ich übernahm zunächst kleinere Aufgaben, wie die Ergänzungen von Daten in Exceltabellen. Ebenso recherchierte ich nach Informationen über Unternehmen mit denen wir zu tun hatten. Dabei musste ich mir nicht nur die rechtlichen und ökonomischen Regelungen aneignen bzw. wieder auffrischen, sondern war es auch notwendig, dass ich mich mit dem jeweiligen Produkt intensiv auseinandersetzte und dadurch erst einen Eindruck davon erlangte, wie groß der Markt, an dem wir arbeiteten, wirklich war. Im Laufe der Zeit wurden meine Aufgaben immer anspruchsvoller, aber im selben Maße anregend. Es handelte sich z.B. darum, Unternehmen unauffällig „auszuspähen“, indem man schriftlich oder telefonisch die richtigen Fragen stellte, ein Votum für eine Fusion zu erstellen oder um die Zusammenarbeit und Diskussion mit Referendaren und Kollegen über Anfragen von Kanzleien, Unternehmen etc. . Meine Haupttätigkeit bestand in der Unterstützung bei der Sektoruntersuchung Transportbeton, indem ich Exceltabellen zu gegebenen Informationen erstellt und diese rechnerisch und schriftlich auswertete, an Gesprächen mit „Zementbaronen“ teilnahm und die Finanzabteilungen der Unternehmen aufgrund unstimmiger Daten anrief. Ich habe mich im Praktikum als Teil des Teams gefühlt. Dies lag zum einen daran, dass die Abteilungen nicht sehr groß sind, ca. 15 Personen, die man nach einer Weile alle kennt, und zum anderen daran, dass  man über alles, was im Haus passierte, informiert (z.B. aktuelle Verfahren, Fusionen) und darin involviert (z.B. hausinterne Schulungen und Vorträge, Teilnahme an Gerichtsverfahren) war.

Ich kann allen, die rechtlich und volkswirtschaftlich interessiert sind, zu einem Praktikum im Bundeskartellamt raten. Man wird dort fast alles, was man an der Uni gelernt hat wiederfinden und noch wesentlich mehr. Die Tätigkeiten sind spannend und abwechslungsreich und die Anfragen manchmal so wild wie die Fälle in den Klausuren. Auch diejenigen, die am europäischen Wettbewerbsrecht interessiert sind, werden hier auf ihre Kosten kommen, da auch dieses in den Zuständigkeitsbereich des Bundeskartellamts fällt.