Praktikumsbericht: Nachhaltigkeit und Rechtsabteilung

22. Juni 2015

Liebe Kommilitonen!

Mit diesem Beitrag startet Kassel Law eine Reihe von lesenswerten Praktikumsreflexionen derjenigen unter uns, die ihr Praktikumssemester bereits absolviert haben. Diese netten Mitstudierenden teilen mit uns so ihre Erfahrungen und geben praktische Tipps bezüglich des Praktikums. Das kann hilfreich bei der Organisation des eigenen Praxissemesters sein und zu neuen Berufsperspektiven als Wirtschaftsjurist/in ermuntern.

Unser erster Kandidat, Jannik Hermes, hat das Praxismodul zweigeteilt und einen Teil im Bereich der Nachhaltigkeit und den anderen in einer Rechtsabteilung absolviert. Lest das sehr motivierende Interview am besten selbst! :)

 

Kassel Law: Wo hast Du Dein Praktikum absolviert?

Jannik: Ich habe das Praxismodul auf zwei verschiedene Praktikumsstellen (je 3 Monate) aufgeteilt: Zunächst war ich bei der Systain Consulting GmbH, einer Unternehmensberatung, die sich auf Nachhaltigkeit spezialisiert hat. Danach war ich bei der PricewaterhouseCoopers Legal AG in der Rechtsberatung. Beide Stellen waren in Hamburg.

KL: Welche Aufgaben hattest Du?

J: Das war ganz unterschiedlich. Bei Systain habe ich die Berater bei ihren Projekten untersützt. Das umfasste z.B. die Vorbereitung von Akquiseterminen (Sammlung und Präsentation von Unternehmensinformationen, Prüfung von Kooperationsmöglichkeiten), Analyse und Bewertung von diversen Nachhaltigkeitsstandards (insb. Kriterien der Sozialstandards, d.h. welche Anforderungen gibt es in dem jeweiligen Standard für eine Zertifizierung [keine Kinderarbeit, keine Zwangsarbeit, Mindestlohn, …]), Entwicklung einer Bewertungslogik für diese Nachhaltigkeitsstandards (welches Kriterium wie gewichten, um vergleichbare Scores zu erhalten?), Überprüfen und Übersetzen von Fabrik-Audit-Berichten (Textilfabriken wurden auf Einhaltung bestimmter Sozialkriterien geprüft), Prüfung von Eingangsrechnungen, Stellung von Ausgangsrechnungen, …

Bei PwC habe ich größtenteils einzelne strittige Fragen rechtlich bewertet und eine Stellungnahme/Einschätzung dazu abgegeben. Außerdem gehörten zu meinen Aufgaben das Verfassen anwaltlicher Schreiben an Gerichte/Mandanten/Gegenseite, Übersetzen von Dokumenten aus ausländischen Verfahren, Prüfen einzelner vertraglicher Klauseln auf ihre Wirksamkeit (z.B. Vertragsstrafevereinbarungen), …

KL: Wie bist Du zu Deiner Praktikumsstelle gekommen?

J: Ich wollte mein Praktikum gerne in Hamburg machen und habe dann zunächst geschaut, welche (großen) Unternehmen es dort gibt. Besonders durch die Vorlesung NAUF I wurde mein Interesse für das Thema Nachhaltigkeit geweckt. In dem Bereich wollte ich unbedingt ein Praktikum machen. Ich bin dann auf die Otto-Group gestoßen und habe gesehen, dass es auf der Karriereseite eine Stellenausschreibung für ihre 100%ige Tochter Systain gab – ich habe mich beworben und bin nach einem Skype-Interview genommen worden.

Ähnlich lief es bei PwC. Ich wollte auch meine juristischen Kenntnisse anwenden und habe mich daher für eine reine Rechtsberatung entschieden. Die Stelle war ebenfalls auf der Career-Seite ausgeschrieben. Ich habe mich beworben und wurde zu einem Gespräch (sehr angenehm, u.a. beim gemeinsamen Mittagessen) eingeladen, bei dem ich noch vor Ort die Zusage bekommen habe.

Allerdings habe ich auch ein paar Absagen bekommen. Wichtig ist frühzeitiges Bewerben und die Zuversicht nicht zu verlieren.

KL: Konntest Du die Theorie aus der Uni im Praktikum anwenden? Welche Anknüpfungen gab es?

J: Bei Systain recht wenig. Das war mir aber vorher klar – ich studiere schließlich Recht und nicht Nachhaltigkeit. Trotzdem hat mir das Problembewusstsein, das ich während der NAUF-Vorlesung entwickelt habe, sehr geholfen.

Bei PwC habe ich erstmals gemerkt, dass zumindest fachlich das in der Universität gelernte und das beruflich relevante recht weit auseinander liegen. Das ist aber klar – in der Uni lernt man eben den „Normalfall“, in der Praxis kommen Mandanten nur bei unklaren rechtlichen Fällen zur Rechtsberatung. Mit anderen Worten: Ich hatte ausschließlich mit Unbekanntem zu tun. Das ist aber nicht schlimm, weil man in der Uni das „Handwerkszeug“ und das juristische Denken lernt, sodass man auch unbekannte Fälle bewältigen kann. Fachlich konnte ich also nur etwas „Basiswissen“ anwenden, methodisch aber eine ganze Menge!

KL: Wie wurde das Berufsbild angehende/r Wirtschaftsjurist/in aufgenommen?

J: Bei Systain kannten nur wenige genauere Inhalte unseres Studiengangs. Meine Kollegen haben aber recht schnell meine Vielseitigkeit geschätzt.

Bei PwC hatte ich den Eindruck, dass der Beruf des Wirtschaftsjuristen von den Volljuristen zunächst nicht ganz ernst genommen wurde, vielleicht auch deshalb, weil man dort eben eine Anwaltszulassung braucht (was wir ja nicht bekommen können und wollen). Ich hatte daher zu Beginn nur recht „kleine“ Fälle. Ziemlich schnell haben sie dann aber gemerkt, dass ich fachlich und methodisch nicht weniger drauf habe als ein Jurastudent, sodass meine Aufgaben umfangreicher und verantwortungsvoller wurden. Allerdings ist eine Rechtsanwaltsgesellschaft wie PwC Legal auch ein Sonderfall – dort werden später nur wenige von uns, Wirtschaftsjuristen, landen. Andernfalls hätten wir ja auch Jura studiert. Wir alle haben uns aber bewusst für diesen interdisziplinären Studiengang entschieden und haben ein ganz anderes, vielseitigeres Profil als Volljuristen. Ich hoffe, dass das potenzielle Arbeitgeber in der Zukunft wissen und verstehen. Dazu kann man im Praktikum einen Beitrag leisten.

KL: Was empfandest Du als die größte Herausforderung/den größten Unterschied zum Unialltag?

J: In der Uni kann man sich seine Arbeit super einteilen und seine Arbeitsbelastung (sogar in den Klausurenphasen) gut steuern. In der Praxis geht das nicht so einfach. Bei PwC beispielsweise mussten bestimmte Fristen einfach eingehalten werden. Wenn ich meine Aufgaben in der eigentlichen Arbeitszeit nicht fertig bekam, musste ich entsprechend länger bleiben. Bei mehreren Aufgaben gleichzeitig konnte das (wenn auch i.d.R. nicht bei Praktikanten) auch mal bis in die Nacht hin dauern oder arbeiten am Samstag und Sonntag bedeuten. An anderen Tagen hingegen fiel dann wieder wenig Arbeit an, sodass man dann auch mal ein paar Stunden wenig zu tun hatte. In der Uni kann man das einigermaßen gleichmäßig verteilen.

KL: Welche Erwartungen hattest Du an Dein Praktikum? Inwiefern haben sie sich während des Praktikums erfüllt?

J: Ich wollte vor allem herausfinden, wie gut mich mein Studium auf den Beruf vorbereitet. Insgesamt tut es das recht gut! Bewusst habe ich auch zwei Praktikumsstellen gewählt, um vergleichen zu können, was mir besser gefällt: Die rechtliche Arbeit oder die eher wirtschaftliche und ob ich die Arbeit in großen Unternehmen oder in kleinen Unternehmen bevorzuge. Beide Fragen konnte ich für mich beantworten. Gewünscht (aber keinesfalls erwartet) habe ich mir, dass ich meinen „Traumberuf“ finde – darauf muss ich leider noch etwas warten. Aber zumindest weiß ich nun, in welche Richtung es gehen bzw. nicht gehen soll.

KL: Was war das Beste an Deinem Praktikum?

J: Das Beste war für mich, dass ich unheimlich viele Menschen kennengelernt habe und Erfahrungen mit Ihnen austauschen konnte. So habe ich z.B durch regelmäßiges Einholen von Feedback viel gelernt. Nicht nur fachlich, sondern auch über mich selbst (Wie wirke ich auf andere? Was zeichnet mich aus? Woran könnte ich noch arbeiten? …). Durch Gespräche (die meisten davon beim gemeinsamen Mittagessen) mit Kollegen konnte ich auch viel über Zukunftsperspektiven lernen (lohnt sich ein Auslandsaufenthalt? Welche Eigenschaften sind für eine Arbeit als Unternehmens-/Rechts-/Steuerberater/Wirtschaftsprüfer/… wichtig? …). Toll war auch, noch einmal eine andere Stadt kennen zu lernen – ich würde daher jedem, der Lust auf Neues hat, empfehlen, Kassel für das Praxissemester noch einmal zu verlassen (hinterher aber natürlich wieder zu kommen und hier noch einen Master zu machen).

KL: Welche Tipps hast Du für Deine Kommilitonen, die das Praktikumssemester noch vor sich haben?

J: Bewerbt euch frühzeitig und nur dort, wo ihr wirklich hin möchtet. Ein halbes Jahr kann ganz schön lang werden, wenn einem das Praktikum nicht gefällt! Sucht in einer neuen Stadt schnell neue Kontakte (es gibt z.B. viele „Neu in …“ Gruppen bei Facebook oder zieht in eine WG!) – nach einem langen Arbeitstag und am Wochenende freut man sich über Gesellschaft. Fordert regelmäßg Feedback ein (von alleine bekommt man das nur selten) – da lernt man wahnsinnig viel! Sprecht euren Betreuer/Vorgesetzten an, wenn euch etwas nicht gefällt, sonst ist das ein verschenktes halbes Jahr!

 

Kassel Law dankt Jannik an dieser Stelle nochmal für das tolle Interview! Und freut sich natürlich, wenn jemand über sein Praktikum ebenso berichten möchte.

Würdest Du Deine Erfahrungen gerne mitteilen oder kennst Du jemanden, der das tun möchte? Dann schreib’ mir eine E-Mail an a.rischenkov@kassel-law.de !