Stipendien für alle?

Gastautor: M. Tahtaci
11. Mai 2015

Was kostet ein Studium in Kassel? Diese Frage stellen sich die meisten wohl erst, wenn sie anfangen zu studieren. Zu den Semesterbeiträgen von 272,31 € kommen noch durchschnittliche Mietkosten und Ausgaben für Ernährung von ca. 430,- € hinzu. Jeder von uns weiß aber, dass es nicht bei diesen Kosten bleibt, sondern uns diese monatlichen Ausgaben von ca. 475,- € nur ein Dach über dem Kopf gewähren und wir täglich eine warme Mahlzeit zu uns nehmen können. Und obwohl den meisten dieser Lebensstandard nicht ausreicht, müssen auch diese Kosten erst einmal gedeckt bzw. eine dauerhafte Lebensfinanzierung sichergestellt werden. Für die einen sorgen die Eltern, für andere erscheint das BAföG-Amt als höhere Macht, die einen für Scheine und Credits am Monatsende belohnt. Wer sich nicht abhängig machen möchte, geht den harten Weg über Neben- und Semesterjobs, wobei dieser nicht nur Zeit, sondern auf Dauer auch extrem viel Energie kostet und meist das eigentliche Studium darunter leidet. Wer keine Lust auf Jobben hat und trotzdem unabhängig sein möchte, dem bleibt oft nur die Alternative eines Studienkredites, wie etwa der KfW-Studienkredit, wobei dieser nach Beendigung des Studiums vollständig und mit Zinsen zurückgezahlt werden muss.

Diejenigen, die sich unabhängig auf ihr Studium konzentrieren wollen und am Ende nicht mit einem kleinen Schuldenberg in das Berufsleben starten möchten, sollten unbedingt weiterlesen. Die richtige Lösung für die Finanzierung des Lebensunterhaltes könnte auch bei dir in einem Stipendium liegen. Und auch wenn du nicht zu den besten 10 % deines Studienganges gehörst, solltest du dir zumindest 5 Minuten Zeit nehmen und deine Möglichkeiten abstecken, denn auch du hast Möglichkeiten auf ein Stipendium.

Wer eigenständig nach Stipendien im Internet sucht, der geht schnell unter im Informationsdschungel. Um euch einen ersten Überblick zu geben, haben wir die Studienfinanzierungsberaterin Frau Sajonz aus dem Studentenwerk Kassel befragt und ihr die wichtigsten Fragen rund um das Thema Stipendium gestellt.

Frau Sajonz, Sie sind häufig die erste Anlaufstelle für Studenten, die sich für Stipendien interessieren. Was bietet mir ein Stipendium und was muss ich dafür tun?

Stipendien sind in der Regel ein Zuschuss, d.h. man muss sie nicht zurückzahlen, daher die schönste Form, sein Studium zu finanzieren. Nicht zu verachten ist auch die ideelle Förderungen in Form von Kontakten und Seminaren. Doch leider werden nur etwa vier Prozent aller Studierenden durch Stipendien gefördert. Das heißt, man muss sich auf die Suche machen nach einem Stipendium, dass genau auf einen zugeschnitten ist. Ich helfe in meiner Beratung dabei, kann aber nur Hilfe zur Selbsthilfe geben und die Datenbanken und Vorgehensweisen erläutern.

Was sagen Sie jemandem, der keine Eins vor dem Komma stehen hat?

Eine Eins vor dem Komma ist sicherlich von Vorteil, aber nicht nur die Noten zählen, sondern bei den 13 Begabtenförderungswerken und dem Deutschlandstipendium z.B. stehen das soziale oder politische, ehrenamtliche Engagement und die Persönlichkeit im Vordergrund. Daher kann ich nur ermutigen, wenn Engagement vorhanden ist, es zu probieren.

Demnach sind viele Stipendien nicht nur den Besten vorenthalten, sondern jeder hat eine Chance? Wie realistisch ist diese Einschätzung?

Die Stipendienlandschaft ist sehr heterogen. Deshalb muss man sich erst mal einen Überblick verschaffen. Die 13 Begabtenförderungswerke fördern ca. zwei Prozent aller Studierenden. Etwa weitere zwei Prozent werden von über 2200 Stiftungen gefördert, die meist regional sind, und das bedeutet dann: irgendwo, nur leider nicht in Kassel. Also man muss schon irgendetwas haben, was die Stiftungen fordern: Engagement, herausragende Noten, spezielle Themen oder schwierige soziale Situationen, die gefördert werden (z.B. alleinerziehend). Somit realistisch gesehen nicht jeder, denn vier Prozent sprechen ja für sich.

Klartext, wie stehen die Chancen für den unpolitischen Atheisten Moritz, der lieber Feiern geht anstatt sich sozial zu engagieren und auch nicht mit seinen Noten glänzt?

Die Chancen stehen eher schlecht, aber nicht bei null – man sollte die Datenbanken mal durchforsten. Denn es gibt auch Stipendien für Auslandssemester, Förderungen für chronisch Kranke oder behinderte Studierende, Waisen oder Halbwaisen, kulturelle Stiftungen, die bestimmte Studienthemen (die Werke von Kurt Tucholsky) oder Abschlussarbeiten fördern, z.B. wenn diese materialintensiv sind, wie künstlerische Abschlussarbeiten. Daher ist immer der Einzelfall zu betrachten.

Auf welcher Internetplattform kann ich mich am besten informieren?

Es gibt keine Datenbank, die alle Stiftungen beinhaltet. Das macht die Sache so schwierig. www.stipendienlotse.de ist die Datenbank des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. www.e-fellows.net/studium/stipendien hat auch eine gute Datenbank mit über 800 Stipendienmöglichkeiten. Unsere Homepage gibt einen recht guten Überblick und eine Stipendienrecherche, in der ich schon ein paar Stiftungen vorselektiert habe: www.studentenwerk-kassel.de/stipendien. Man sollte bei Datenbanken aufpassen, die persönliche Daten erfassen, denn eigentlich ist dies für die Suche nicht notwendig.

Wie viel Zeit muss ich für eine Bewerbung um ein Stipendium einplanen?

Das ist ganz unterschiedlich. Teilweise über ein halbes Jahr. Studienanfänger sollten sich auch schon vor Studienbeginn bei den 13 Begabtenförderungswerken bewerben, die anderen, eher leistungsabhängigen, wollen natürlich erst mal Studienleistungen.

Worauf sollte ich bei der Bewerbung besonders achten?

Jede Stiftung hat ihre ganz besonderen Anforderungen, die man genauestens einhalten sollte, damit man nicht aufgrund von Formfehlern abgelehnt wird.

Welche Fristen muss ich beachten?

Auch diese sind sehr unterschiedlich. Das Deutschlandstipendium z.B. gibt es an der Uni Kassel nur für Erstsemester aller Studiengänge, auch Master (und zweite Semester, falls im Sommersemester begonnen) und die Bewerbungen sind immer im Oktober. Bei den 13 großen Werken, sollte man sich auch in den ersten Semestern schon bewerben, da diese nicht nur den Studienabschluss fördern, sondern mehrere Semester noch zu studieren sein müssen. Ganz wichtig: Bei jeder Stiftung auf die individuellen Anforderungen achten!

Abschlussfrage: Welche speziellen Stipendien gibt es für Wirtschaftsrecht-Studenten aus unserer Uni?

Zuerst sollte man immer auch am eigenen Lehrstuhl fragen, ob nicht irgendwelche Kooperationen mit der Wirtschaft bestehen. Diese erscheinen meist gar nicht in irgendwelchen Datenbanken und auch nicht bei mir. Für Wirtschaftsrecht-Studierende sind wahrscheinlich große Unternehmen von Interesse, die man in den Datenbanken oder bei Google finden kann, die meist Stipendien für die Abschlussphase an Studierende mit herausragenden Leistungen vergeben, nicht zuletzt um auch schon mal einen zukünftigen Mitarbeiter zu rekrutieren. Hat man schon eine Lehre abgeschlossen mit einer Eins vor dem Komma und zwei Jahre Berufserfahrung, wäre ein Aufstiegsstipendium interessant.

Schlusswort:

Lassen Sie sich beraten in meiner offenen Sprechstunde im Campuscenter, 3. Stock, Raum 3342, Mo+Mi 13-15 Uhr und Do 10-12 und 13-15 Uhr. Die nächste Stipendieninformationsveranstaltung findet am
28. Oktober statt, genaue Infos über unsere Homepage.

 

Das KL-Team bedankt sich bei Frau Sajonz für das Interview. Für weitere Fragen rund um das Thema Stipendium steht euch das Studentenwerk Kassel zur Verfügung.