Über den Tellerrand hinaus schauen – Chinesisch lernen und dann ein Auslandssemester in Shanghai

Gastautor: F. Wuestefeld
16. September 2009

Ein Studium des Wirtschaftsrechts in Kassel bringt man im ersten Moment nicht unbedingt mit der chinesischen Sprache und einem Auslandssemester in Shanghai in Verbindung, aber warum eigentlich nicht? Unsere Uni bietet weitaus mehr Möglichkeiten als allgemein bekannt. Diese Gelegenheiten muss man nur nutzen und vor allem sollten sie nicht „geheim“ bleiben. Deshalb möchte ich nachfolgend einen Überblick über meine guten Erfahrungen mit dem „China-Qualifikationsprogramm“ des ISZ (Internationales Sprachenzentrum) an unserer Uni geben und zeigen, wie man darüber sogar an die Tongji-University in Shanghai gelangen kann.

Mein Weg in Kurzform:

Schritt 1: Man besuche 1 Jahr lang das China-Qualifikationsprogramm am Internationalen Sprachenzentrum der Uni Kassel

Schritt 2: Bei Lust auf mehr bewerbe man sich auf ein Stipendium der Firma Hübner/Kassel für einen Aufenthalt in Shanghai und meistere das Auswahlverfahren

Schritt 3: Bei Erfolg fliege man erwartungsfroh nach China und verlebe ein außergewöhnliches Auslandssemester in einem hochinteressanten und oft falsch eingeschätzten Land

Warum Chinesisch? Und wie?

China ist Dauerthema in den Medien, wenn auch nicht nur mit positiven Nachrichten. Neben dem regelrechten „China-Hype“ um die Olympischen Sommerspiele ist China wohl vor allem in den Wirtschaftsnachrichten präsent. Mit enormen Wachstumsquoten und zunehmendem Wohlstand wird das Land nicht nur als „Werkbank der Welt“, sondern auch als gigantischer Absatzmarkt für deutsche Produkte immer interessanter. Das Rechtssystem befindet sich in einem fortwährenden Modernisierungsprozess, um den juristischen „Schmierstoff“ für die wachsende Wirtschaft zu liefern – mit zunehmendem Erfolg. Das deutsche Rechtssystem hat dabei einen nicht unerheblichen Einfluss und es gibt einen regen Austausch zwischen beiden Seiten, der seine Spuren hinterlässt

Für Wirtschaftsjuristen sind das sehr gute Nachrichten, vor allem für jene mit etwas Abenteuerlust, tauglichen Englischkenntnissen und noch viel besser: mit wenigstens rudimentären Chinesischkenntnissen! Irgendjemand muss in den außenhandelsorientierten deutschen Unternehmen schließlich auch juristische Fragen mit chinesischen Partnern oder Juristen behandeln können. Das führt uns zum China-Qualifikationsprogramm an der Uni Kassel, das einerseits aus einem Sprachkurs (Unicert I) und andererseits aus interkulturellen Workshops besteht.

Das China-Qualifikationsprogramm am ISZ

Wer einmal einige Zeit in China gelebt hat, weiß, welche Maßstäbe die bildungshungrigen chinesischen Studenten in Sachen Fleiß und Ausdauer setzen. Ganz ohne diese Fähigkeiten geht es auch im China-Qualifikationsprogramm nicht weiter, auch wenn hier mit Spaß und nicht mit Druck gelernt wird. Das Programm findet über zwei Semester größtenteils an Samstagen u. teilweise an Sonntagen statt, der Sprachkurs umfasst dabei 180 UE in der Gruppe bzw. im Selbstlernzentrum oder mit Tandempartner, die 10 interkulturellen Workshops umfassen 60 UE. Von den Wochenendterminen sollte man sich nicht entmutigen lassen, denn letztlich komprimiert sich die Anwesenheitspflicht auf ca. 20-25 ganze Tage übers Jahr verteilt, es werden also nicht gleich alle Wochenenden in Beschlag genommen. Die Tandemstunden kann man idealerweise gemeinsam im Cafe oder beim chinesischen Kochen verbringen, da geht das Lernen wie von selbst.

Ich hatte nur durch Zufall von dem Kurs erfahren und mich noch kurz vor Toreschluss für einen Patenplatz des FB 7 angemeldet, ich habe es nicht bereut! Chinesisch wird scheinbar von vielen als völlig unlernbar angesehen, dabei funktioniert das sehr wohl. Es gibt aber Licht und Schatten: Die Grammatik ist im Vergleich zu Deutsch oder anderen europäischen Sprachen recht einfach (manchmal beinahe zu einfach), so verzichtet man hier auf Deklination oder Konjugation und begnügt sich außerdem im Wesentlichen mit nur zwei Vergangenheitsformen… – ein grammatikalischer Traum für manchen. Vllt. sind langjährige Talkshow-Konsumenten hier sprachlich im Vorteil, aber Spaß beiseite.

Die Aussprache ist wegen der vier bedeutungstragenden Tonhöhen schon etwas schwieriger, aber auch bei weniger talentierten Zeitgenossen schafft die Kursleiterin Uei Chiang-Schreiber wahre Wunder. Kompliziert wird es dann erst bei den Schriftzeichen, denn ein Zeichen repräsentiert jeweils eine Silbe und somit geht ohne Fleiß (oder ersatzweise ein phänomenales fotografisches Gedächtnis) hier nichts voran. Die Zeichen sind ein prima Mittel, um alle Welt vom Chinesischlernen abzuschrecken. Selbst chinesische Grundschüler brauchen da so ihre Zeit, bis sie einen ausreichenden Zeichenvorrat im Gehirn verankert haben. Glücklicherweise ist die Vokabelzahl im Kurs aber begrenzt, so ist das alles machbar.

Letztlich ist Chinesisch überhaupt keine Geheimwissenschaft, aber aus meiner Erfahrung sollte man dringend eine solide Eigenmotivation zum Sprachenlernen mitbringen und vor allem ein gesundes Interesse an China, dann ist der Grundstein zum Erfolg gelegt. Abzuraten ist davon, das Programm „nur so nebenher“ laufen zu lassen und irgendwie mitzunehmen, denn dafür ist es doch etwas umfangreich und das restliche Studium wird gebremst.

Von den etwa 20 Startern ging in meinem Kurs trotz des Aufwands nur ein Viertel verloren. Für die Durchhaltewilligen winkt am Ende nicht nur das Unicert I-Zertifikat in Chinesisch und das Zertifikat für die Workshops, sondern auch jede Menge reale interkulturelle Erfahrung. Schon dieses Ergebnis allein ist, denke ich, viel Mühe wert.

Die Endnote des Sprachkurses ergibt sich aus einigen Zwischentests, einer Abschlussklausur und einer mündlichen Prüfung. Im Kursverlauf sollte man rechtzeitig entscheiden, ob man richtig Gas geben und sich am Ende auf das Stipendium der Hübner GmbH für einen Aufenthalt in Shanghai bewerben will, um die Sprachkenntnisse dort noch zu vertiefen.

Das Stipendium der Firma Hübner für einen Aufenthalt in Shanghai

Das Stipendium der Kasseler Firma Hübner bietet einen Aufenthalt samt Vollzeitsprachkurs an der Tongji-University Shanghai, einer der führenden Universitäten des riesigen Landes. Absolventen des China-Qualifikationsprogramms werden bevorzugt berücksichtigt (sofern das Prozedere so bleibt wie bisher), dafür sollte man zunächst einmal eine vernünftige Prüfungsnote vorweisen können und eine formell korrekte Bewerbung samt Lebenslauf, Motivationsschreiben etc. in Bewegung setzen. Als nächstes gibt es dann ein Vorauswahlgespräch am ISZ, in meinem Falle saß ich zwei erfahrenen Sinologen gegenüber, die die Probanden auf Herz und Nieren überprüften. Dieses Kreuzverhör macht Sinn, denn China ist nicht automatisch das malerische Traumland, das sich so mancher anhand von Filmen oder Nachrichten darunter vorstellt und ein Semester im „falschen Land“ dürfte wirklich hart sein.

Hat man diese Vorhürden gemeistert, folgt auf Einladung der Firma Hübner noch ein weiterer Chinesischtest und ein Bewerbungsgespräch. Herr Hübner selbst kann sich auf Chinesisch gut verständigen, spätestens jetzt muss man also Farbe bekennen. Wer nach diesem spannungsreichen Marathon jubeln darf, der sollte recht zügig Koffer packen, denn alsbald geht es los. Ich hatte zwischen Zusage und Abflug rd. 4 Wochen für die direkte Vorbereitung, die waren dann gut gefüllt mit Visumsbürokratie, Impferei u. allerlei Formalien der Gastuni. Wer dann im Flieger sitzt, hat es erstmal geschafft. Denkt man zumindest, denn das Abenteuer geht in Wirklichkeit erst richtig los!

Shanghai (上海) und die Tongji-University (同济大学)

Die Tongji-University liegt zentrumsnah in Shanghai. Zentrumsnah… was das bedeutet in einer Stadt mit über 18 Mio. Einwohnern, muss man mit eigenen Augen gesehen haben. Tausende Hochhäuser, wohin das Auge blickt und ein Meer von Fahrzeugen und Menschen. Shanghai ist eine Stadt der Superlative, als bedeutendstes Wirtschaftszentrum ist sie Vorreiter in die Moderne in diesem aufstrebenden Land mit seinen immerhin 1,3 Mrd. Menschen. Vor allem für die Expo 2010 wird die Stadt komplett umgekrempelt unter dem Motto „Better City, Better Life“. Wer sich also selbst überzeugen möchte, warum uns die Chinesen gerade wirtschaftlich überholen und mit welchem Tempo man Wolkenkratzer und U-Bahnen bauen kann, der sollte dringend in Shanghai vorbeischauen.

Die renommierte Tongji-University ist dabei eine recht grüne Oase inmitten des wuchernden Betons und die Studienplätze sind unter den chinesischen Studenten sehr begehrt, entsprechend studieren hier die Besten der Besten. Die Uni wurde 1907 vom deutschen Arzt Erich Paulun gegründet und die Verbindung zu Deutschland ist hier deshalb allgegenwärtig. Für jeden chinesischen Studenten, der etwas mit Deutschland im Sinn hat, ist sie eine der ersten Adressen und auch deutsche Minister, Bundeskanzler oder Bundespräsidenten lassen sich an dieser Speerspitze der deutsch-chinesischen Beziehungen am Chinesisch-Deutschen Hochschul Kolleg (CDHK) gerne blicken.

Als ausländischer Student wird man extrem gastfreundlich und mit freundlicher Neugier aufgenommen (wie überhaupt in ganz Shanghai), dennoch ist die Kluft zwischen einheimischen und ausländischen Studenten groß. Während unsereins im Ausländerwohnheim im Einzelzimmer mit Klimaanlage im tropischen Shanghai gut über die Runden kam, wohnen und lernen die chinesischen Studenten aus Kostengründen in Wohnheimen ohne  Klimaanlage oder Warmwasser in 6-8-Bett-Zimmern. Man ist verblüfft, welche engen Bedingungen Studenten hier für eine gute Ausbildung in Kauf nehmen, aber das Lernen hat hier ohnehin einen ganz anderen Stellenwert als bei uns. Idole sind hier zuerst die Superhirne und erst dann die Supermuckis. Die Familien sparen sich Ausbildungskosten u. U. vom Munde ab, entsprechend gibt es hier kein lockeres Partyleben oder eine „notfalls-wird-ein Semester-drangehängt“-Mentalität, sondern nach dem Duschen in den Gemeinschaftsanlagen geht es brav ins Bett und dann am nächsten Tage wieder bis abends in die Vorlesungen oder Übungen. Sogar wir international students am Sprachenzentrum durften hin und wieder Feiertage oder Klassenausflüge schon am Wochenende vorarbeiten… Ungewohnt, gelinde gesagt.

Zum Glück lief es bei uns aber doch ein wenig lockerer ab als bei den chinesischen Studenten, denn um 12 Uhr war meistens Kursschluss und dann Zeit für Expeditionen ins Unbekannte. Schon die erste Essensbestellung an Tag 1 war dabei eine echte Herausforderung, denn eine chinesische Speisekarte samt Schriftzeichen hatten wir in Kassel nicht kennen gelernt… Wenn der Magen knurrt lernt man relativ schnell zu improvisieren (in dem Falle Flügelschlagen und lautes gggaaaaaggggggggaaaaag-Gerufe, es kam tatsächlich Hühnchen, allerdings mit ein „wenig“ Chili…).

Die chinesische Bürokratie kann es auch gut mit der deutschen aufnehmen, ich wüsste nicht welche von beiden komplexer daherkommt. Im Gegensatz zur deutschen Paragraphensteifigkeit gibt es dort aber immer auch die Möglichkeit einfach dumm und freundlich am Tresen stehen zu bleiben, bis sich am Ende doch noch etwas tut und es plötzlich auch ohne Formblatt XY weitergeht… Das bewährte sich schon bei der Einreise, später bei der Immatrikulation, bei der Visumsverlängerung usw. Beharrlichkeit wird in China meistens mit Hilfe belohnt. Durch ein „geht nicht“ oder „gibt’s nicht“ sollte man sich jedenfalls nie entmutigen lassen.

Der Sprachkurs war ansonsten mit den Kasseler Grundlagen gut zu bewältigen und die täglichen Feldübungen beim Einkaufen etc. haben viel gebracht. Im Zuge aller Formalitäten bekommt man übrigens einen chinesischen Namen verpasst (ich bin seitdem 法兰克 ,sprich: fú lán kè) und lässt damit ohnehin temporär ein Stück seiner alten Identität hinter sich.

Fantastisch war auch die internationale Zusammensetzung der Sprachklassen, neben vielen Deutschen, Amerikanern, Japanern, Koreanern und Mongolen zog es auch Türken, Kolumbianer, Mexikaner und viele mehr an die Tongji, in meiner Klasse schwärmten auch zwei Mauritianer von ihrer Heimatinsel und luden uns alle ein J.

Als Lernmethode war hauptsächlich das gute chinesische Dauerpauken nach dem Motto „von nix kommt nix“ angesagt, denn alle 2-3 Tage begann eine neue Lektion samt 25-30 Vokabeln, zugehörigem Text, der halbwegs beherrschbaren Grammatik und einem Diktat. Ein freier Nachmittag bedeutete damit also doch nicht Faulenzen bis zum nächsten Tag, sondern eher ein engagiertes „Midnight-Learning“.

Nebenbei sei erwähnt, dass es sich auch mit studentischem Budget in Shanghai wunderbar leben lässt, auch wenn es die teuerste Stadt Chinas sein soll. Die (Abenteuer-)Fahrt mit dem Bus kostete beim Einsteigen pauschal umgerechnet unter 25 ct, ein Mensaessen 50 ct, ein leckeres Essen im Restaurant um die 2 €. Ein maßgeschneiderter Anzug schlug mit nur rd. 70 € zu Buche und ein Hin- u. Rückflug quer durchs Land mit rd. 75 €. Teuer wird es mit westlichen Markenartikeln oder überhaupt in den hippen westlichen Läden, aber die sieht man doch ohnehin zu Hause. Über den wahnsinnigen Unterschied zwischen Arm und Reich, Gosse und Palast, Handkarren und Luxuskarosse direkt nebeneinander in Shanghai und noch schlimmer zwischen Stadt und Land, Ost und West in ganz China ließe sich stundenlang schreiben.

Alles in allem war es ein überaus interessantes Semester, das aber erst durch Grundkenntnisse der Landessprache und durch den Kontakt mit dem echten Alltagsleben so richtig Sinn machte. Eine engagierte Mitarbeit im Kasseler China-Qualifikationsprogramm zahlt sich also aus.

Fazit

Die China-Qualifikation ist schon allein sehr interessant und allen Aufwand wert, wenn man Interesse an chinesischer Kultur und Sprache mitbringt. Ich würde es deshalb jederzeit wieder belegen. Die Absicht, dass ich mich um einen Stipendienplatz in Shanghai bewerben würde, entwickelte sich erst mit der Zeit und ist aus meiner Sicht auch nicht vor Kursbeginn planbar. Ein paar Wochen sollte man die Sprache auf sich wirken lassen und ggf. auch beherzt die Notbremse ziehen. Die Zeit in Shanghai hat das ganze gekrönt und man sollte eine solche Gelegenheit wohl auch beim Schopfe packen. Es hat sich gelohnt die Nase etwas weiter in den Wind zu stecken (statt nur Pflichtmodule abzuhaken), das geht aber sicher nicht nur über die China-Qualifikation oder über ein Auslandspraktikum in Australien (wie eine unserer Kommilitoninnen vorgemacht hat), sondern natürlich auch über die angebotenen Erasmusprogramme! Wir studieren im Lande des „Exportweltmeisters“ und haben es beruflich möglicherweise mit vielfältigen internationalen Rechtsordnungen zu tun, da kann ein wenig Auslandserfahrung nicht schaden. Und vor allem: Hier können wir uns einen weiteren Wettbewerbsvorteil erarbeiten, denn für Volljuristen ist Auslandserfahrung alles andere als selbstverständlich.

Dieser Denkanstoß soll nicht zu leichtfertigem Aktionismus verleiten, aber: Wer nicht wagt der nicht gewinnt!

再见,法兰克